Anders als gedacht…

Anders als gedacht…

23. November 2014 Aus Von soera

Mit dem CVJM von den Hirtenfeldern in Bethlehem zur Grabeskirche in Jerusalem

Verschiedene Hirtenrollen in Krippenspielen der 50-er-Jahre in der Peiner Friedenskirche und dann die Bethlehemer Hirtenfelder im morgendlichen gleißenden Sonnenlicht mit 30 ° plus Ende Oktober 2014 – wie passt das zusammen? Es war nicht die einzige Frage, die sich dem Autor dieses kleinen Reiseberichtes aus Palästina und Israel stellte und nicht eindeutig zu beantworten war.

Glockengeläut der Bethlehemer Geburtskirche Jesu, dazu der durch Lautsprecher verstärkte Gebetsruf des Muezzins einer nahen Moschee, im Gebet versunkene Juden an der Jerusalemer Westmauer des Tempels, singende und betende Pilgergruppen aller christlichen Glaubensrichtungen auf der „Via Dolorosa“ und vor der Grabeskirche, Freitagsgebet gläubiger Muslime am und auf dem Tempelberg in der Al-Aqsa-Moschee und im Felsendom, mit Gesang und Musik durch die Straßen ziehende israelische Familien, die ihrer Freude über die Religionsmündigkeit (Bar Mizwa) des 13-jährigen Sohnes Ausdruck verleihen – und alles auf engstem Raum – werfen natürlich  Fragen des Miteinanders auf.

Wie sensibel und fragil die politische Situation wirklich ist, wird der deutschen Besuchergruppe dann am „Mauer-Checkpoint“ zwischen der Westbank und dem israelischem Staatsgebiet deutlich. Gewaltverzicht, Reisefreiheit, Wasserverteilung und israelische Siedlungspolitik sind nach wie vor ungelöste Fragen, um die vehement gestritten wird. Es war eben eine Reise in ein „Heiliges Land“, in dem bereits seit der Antike um die richtige Weltanschauung, Religion und Vorherrschaft gerungen wird. Gleichwohl drängt sich dem schlichten Betrachter aus Westeuropa das Gefühl auf, Religion werde oftmals missbraucht, um Machtinteressen durchzusetzen.

Mit der palästinensischen Faten Mukarker (ein Tag) und dem israelischen Danny Tamuz (sieben Tage) standen der von Biblische Reisen Stuttgart für den CVJM Landesverband und die Kirchengemeinden St. Petrus Stederdorf und Martin-Luther Edemissen organisierten und von Henning Könemann begleiteten Reise ins „Heilige Land“ engagierte Tour Guides zur Verfügung. Beide haben auf ganz unterschiedliche Weise verstanden, biblische Orte und Lebensstationen Jesu, jüdische und arabische Geschichte, Antike und Gegenwart mit dem Alltag der Menschen zu verknüpfen.

Tamuz erwies sich zudem als profunder Archäologiekenner, der die Reisegruppe immer wieder, manchmal auf abenteuerlichen Wegen, in die Tiefe früher Besiedlungsspuren führte und dessen eindringliche Erläuterungen wie z.B. „in vorchristlicher Zeit aufgebaut, durch die Kreuzritter zerstört, auf den Grundmauern wieder aufgebaut und wieder zerstört u.s.w.“ vielleicht ungewollt Tagesaktualität hatten.

Natürlich haben die belastbaren und bildungshungrigen zwanzig Teilnehmer(innen) der Reise, ursprünglich wollten dreiunddreißig mitfahren, auch alle klassischen Stationen eines solchen Israel-Aufenthaltes intensiv erlebt: Durch die Wüste Juda zum Toten Meer, die Ausgrabungen von Qumran, Jericho, ein Aufenthalt in Galiläa mit einer Bootsfahrt auf dem See Genesaret, Berg der Bergpredigt, Tabgha, Kafarnaum, ein Besuch an der Jerusalemer Westmauer („Klagemauer“), der Gang vom Ölberg über den Garten Getsemani zum Teich Bethesda mit der wunderschönen St. Anna-Kirche bis zur Grabeskirche in der Mitte der Altstadt und in deren Nachbarschaft sich die als Stiftung Kaiser Wilhelms II. 1898 erbaute protestantische deutsche Erlöserkirche befindet. Ein vertrauter Ort, in dem sich die norddeutsche Gruppe zum abschließenden Abendmahlsgottesdienst am letzten Sonntag des Aufenthaltes angenommen und geborgen fühlte.

Schließlich wurde auch Emmaus, das heutige Abu Gosh, besucht und selbst das moderne Tel Aviv mit seinem charmanten Vorort Yafo wurde nicht ausgelassen.

Von der allgemeinen Perspektivlosigkeit junger arabischer Menschen erfuhren die CVJMer der Reisegruppe bei einem Besuch des YMCA Ost-Jerusalem. Der dortige Generalsekretär nahm sich spontan Zeit für ein persönliches Gespräch, zeigte die Räumlichkeiten der Arbeit Vorort und berichtete von den Bemühungen, demokratisches Denken anzubahnen, aber auch neue Perspektiven – zum Beispiel durch Schwimmkurse für Erwachsene – aufzuzeigen.

Emotional extrem herausfordernd und doch unverzichtbar, um sich mit der deutschen Geschichte des Nationalsozialismus auseinander zu setzen, war der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Nicht nur hier wurde deutlich, wie knapp die Zeit trotz des neuntägigen Aufenthaltes bemessen war, um alle einwirkenden Informationen angemessen verarbeiten zu können. Nacharbeit, christliche Verwurzelung, Stille, Distanz und Betroffenheit sind und waren, Gott sei Dank, den erwachsenen Reiseteilnehmer(innen) zur Verfügung stehende „Verarbeitungsmittel“.

Was bleibt? Nicht auf alle politischen Fragen habe ich Antworten für mein auf Toleranz und Verständnis bedachtes Weltbild gefunden, aber vielleicht gilt ja, was der französische Schriftsteller Marcel Proust (1871 – 1922) so ausdrückt: „Die eigentliche Bedeutung der Entdeckungsreise liegt nicht darin, neue Landschaften zu finden, sondern darin, sie mit neuen Augen zu sehen.“

Dazu passt auch der Inhalt einer nach der Rückkehr in Deutschland eingegangenen Mail des israelischen Guide Danny Tamuz:

„I enjoyed very much going around with you and the group. They showed interest and sympathy to our land, and I am happy they really enjoyed the tour. I’ll be happy to serve you in the future in any way possible. Please do no hesitate to contact me if you need anything here.”

Mit einem Blick auf die von Sonne beschienenen Hirtenfelder von Bethlehem und auf eine israelische Siedlung am Berg hat die Reisegruppe die erste Andacht gefeiert. Dabei wurde u.a. ein Lied gesungen, in dem es in der ersten Strophe heißt: „Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht und das Wort das wir sprechen, als Lied erklingt, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt.“(Claus-Peter März)

Die Reisegruppe hat davon etwas erfahren, um so mehr ist den Menschen in Palästina und Israel zu wünschen, was die Worte der himmlischen Heerscharen aus dem Weihnachts-evangelium (LK 2,14) so ausdrücken: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“